Buchbesprechungen

Das grüne Weizenkorn

www.cambio.bo       2010

Eine Rezension von Melita del Carpio, Literaturdozentin, Pädagogin, ehemalige Präsidentin von P.E.N. Bolivien (bis 2014).
Ich dachte beim Lesen an Geschichten wie „Die Möwe Jonathan“ oder „Der kleine Prinz“, scheinbar einfache und erfundene Geschichten, die den Leser überrumpeln mit ihren tiefen und menschlichen Botschaften. Sie hinterlassen in seinem von Vorurteilen geprägten Weltbild so etwas wie einen „Zünder“, der jeder Zeit hochgehen kann.
Auch wenn in den Kinderbüchern und Zeichentrickfilmen die Mäuse als sympathische und pfiffige Kerlchen dargestellt werden, empfinden wir sie im wirklichen Leben als abstoßendes Ungeziefer, das es zu vernichten gilt. Die Schule lehrt uns, sie unter die „Schädlinge“ einzustufen und sie werden von Kindern und Jugendlichen benutzt, um Lehrerinnen, vor allem wenn sie als „Alte“ oder „Hexen“ betrachtet werden, in Angst und Schrecken zu versetzen.
Als ich „Das grüne Weizenkorn“ in den Händen hielt, eine Erzählung von Stefan Gurtner, unserem schweizerisch-bolivianischen oder besser gesagt unserem bolivianisch-schweizerischen Schriftsteller, was er auf Grund seines Einsatzes für die sozial-benachteiligten Kinder unseres Landes eindeutig ist,  dachte ich, wie unglücklich doch die Mäuse sind, die ihr Leben mit den Menschen und den Katzen, den Freunden der Menschen, teilen müssen, wie verstossen und gehasst sie sind, obwohl sie doch keine Raubtiere, sondern eigentlich wehrlos und ängstlich sind.
„Das grüne Weizenkorn“ ist für ältere Kinder, Jugendliche und Erwachsene bestimmt. Es ist die Geschichte des kleinen Mäuserichs Achaku. Achaku ist ein Aymaraname wie der der anderen Landmäuse, die in der Erzählung vorkommen. Achaku, gefangen in einem leeren Mayonnaise-Glas, erzählt seine Geschichte in der ersten Person ebenso wie Stefan, der in der Geschichte als eine der Figuren, gleichzeitig aber auch als Erzähler des Buches, höchstpersönlich vorkommt. Stefans Buch spielt sich auf zwei Ebenen ab: Einerseits in einer fantastischen Mäusewelt von Ritzen, Löchern, Spalten, Kellern, Kisten, Schatten, Reflexen, flinken Sprüngen, schnellen Bewegungen, schlängelnden Schwänzen und flackernden Augen in der Dunkelheit. Es ist eine wirkliche und zugleich fantastische Welt, ohne Zauberer und Erleuchtete, in der uns die Vorstellungskraft mit der Geschwindigkeit von Mäusen in die engen Gänge treibt, wo die Mäuse geboren werden, leben, leiden, fressen, genießen und sterben. Es ist eine Welt, wo das Überleben zur Hauptsache wird.
Andererseits handelt es sich um das Leben der sozial benachteiligten Menschen, das der Straßenkinder, der Abschaum einer Gesellschaft, die ständig noch mehr Gewalt produziert - eine Welt, die der der Mäuse so ähnlich sieht. Eine Gewalt, die sich in der kleinsten Ritze, wo Ungleichheit, abgrundtiefe soziale Gegensätze, Verlassenheit, Korruption und Angst lauern, festsetzt.
Aus diesem Grund ist „Das grüne Weizenkorn“ eine Abenteuergeschichte ohne Happyend. Sie zeichnet ein Bild unserer Widersprüchlichkeiten. Ich dachte beim Lesen an Geschichten wie „Die Möwe Jonathan“ oder „Der kleine Prinz“, scheinbar einfache und erfundene Geschichten, die den Leser überrumpeln mit ihren tiefen und menschlichen Botschaften. Sie hinterlassen in seinem von Vorurteilen geprägten Weltbild so etwas wie einen „Zünder“, der jeder Zeit hochgehen kann. Achaku lernt beide Welten kennen und kommt mit ihnen in Konflikt. Im Grunde sucht er sich selbst, seine Identität und seine Wurzeln. Er ist ein Mäusejunge, der von seinem Vater verlassen und von seiner Mutter auf die Straße geworfen wurde. Der Zerfall und das Auslöschen seiner Familie sind in seinem Mäuseschicksal festgelegt und sein Weg ist die kontinuierliche Entdeckung der Welt, in der er lebt. Auf diesem Weg ziehen die ländliche Umgebung seiner Eltern, die Elendsviertel der Stadt, der Fresspalast, das Steinhaus, das Versteck der Kämpfer des „Grünen Weizenkorns“ und die Welt der Menschen mit ihren mörderischen Katzen vorbei. Es ist ein Weg, der ihm Erkenntnisse eröffnet, die er nie erwartet hätte.
Jede Figur in diesem Buch stellt eine menschliche Kategorie oder ein soziales Symbol dar: die Kämpferin Kh’asa, der weise Apu, der unruhige Qhencha, die mütterliche Graue Schwester, der energische Graue Bruder, der gefürchtete Große Nager, die Frau des Großen Nagers, die großzügig die Bäuche der Armen mit schlechtem Futter füllt (die Konsumgesellschaft?). Die attraktive Puraka, seine Gefährtin, die Katze und die lärmenden vierrädrigen Monster der Menschen.
Es folgt der fürchterliche Krieg zwischen den erdfarbenen Landmäusen und den bleichen Stadtmäusen, der Krieg um das „Grüne Weizenkorn“, der unlösbare Schlüssel, mysteriös und schrecklich, gleichzeitig Gewissen und Rebellion.
Alles wird in Frage gestellt, als der Mäusejunge erkennt, dass es einen mächtigeren Feind gibt als die Stadtmäuse oder der Große Nager. Dass es ein absurder Krieg zwischen Mäusen ist, die nicht merken, dass eine viel größere Gefahr auf sie lauert: die Katze. Genau so verhalten sich Menschen, in Bolivien und in anderen Ländern dieses Planeten.
„Das grüne Weizenkorn“ ist eine geschmeidige Erzählung mit kurzen Sätzen, die springen und hüpfen wie flinke Mäuse. Eine Mäusegeschichte, die die Verlassenheit und Einsamkeit der Kinder fühlen lässt. Eine Geschichte voller Spannung und grauer Abenteuer in Spalten, feuchten Gängen, mysteriösen Kellern und geheimen Löchern, in denen sich die gegenwärtige Welt und die menschliche Seele spiegelt.
Ein wichtiges Buch, das in den letzten Jahren der Grundschule und in den ersten Jahren des Gymnasiums, je nach Alter und Klasse, viele Gedanken, Deutungen und Debatten hervorrufen könnte, was Menschenrechte, Gewalt, Diskriminierung, Frieden, Macht, Identitätssuche und ähnliche Themen betrifft.
Es gibt dem Lehrer die Möglichkeit, kreativ Fragen über die Beziehungen zwischen dem menschlichen Individuum und der Gesellschaft aufzuwerfen. Mehr denn je ist es eine Aufgabe der bolivianischen Lehrer, die Kinder zu einem friedlichen Zusammenleben zu erziehen als Alternative zur Konfrontation der verschiedenen Formen von Rassismus und unüberbrückbaren Gegensätzen.

Guttentag

Hier finden sie mehrere Kommentare zu seinem Buch über Werner Guttentag.

"Die Strassenkinder von Tres Soles"

Die Literaturdozentin, Pädagogin und Präsidentin von P.E.N. Bolivien, Melita del Carpio, schreibt: „Ich muss zugeben, dass dies eine ungewöhnliche Art ist, erzieherische Erfahrungen in einem Buch zu verarbeiten, ganz anders als man es üblicherweise kennt. Im Normalfall sind solche Bücher mit teilweise spekulativen, pädagogischen und sozialen Theorien überladen. Oft bleibt die menschliche Seite im Hintergrund, wohl aus Angst, dass die Arbeit als unwissenschaftlich eingeschätzt werden könnte. Ich vertrete jedoch die Ansicht, dass die Art und Weise, wie hier Erfahrungen beschrieben werden, äußerst gelungen ist: voller Leben, nachdrücklich und interessant. Es ist durchaus ein wissenschaftliches Vorgehen, Lebensgeschichten zur Analyse und zum Nachdenken zu verwenden.
Die Straßenkinder von Tres Soles ziehen den Leser sofort in ihren Bann. Am liebsten würde man die 288 Seiten ohne Unterbrechung lesen wollen, so kunstvoll, einem Kaleidoskop ähnlich, sind die Geschichten ineinander verwoben. Es geht hier um wahre, erschreckend wahre Geschichten, die die Fiktion bei weitem übertreffen. Durch Lebensgeschichten wird die Geschichte von Tres Soles erzählt, eine auf Erziehung durch Kunst ausgerichtete soziale Einrichtung. Sie wurde erträumt, erkämpft und aufgebaut von Stefan Gurtner, begleitet von Erziehern, Freiwilligen, Psychologen und Spendern. Es gibt jedoch keinen Zweifel daran, dass die Kraft und die Energie der Kinder von Tres Soles immer an erster Stelle standen und stehen. Während die Wohngemeinschaft, der gemeinsame Traum, aufgebaut wird - in vielen Stunden, in endlosen Tagen und Nächten -, ist es immer wieder diese Kraft, diese Energie, die alles vorantreibt –als Teil einer wahren und wirklichen Gemeinschaft, die sich trotz aller Hindernisse, Widersprüche und Entmutigungen ihren Weg sucht. Ihre Erfolge sind eigentlich unvorstellbar, wenn man an den Beginn in jener Armenküche in einem Elendsviertel von La Paz denkt, wo Stefan Gurtner die ersten Kinder und Jugendlichen traf. Und sie waren es, die die Initiative ergriffen:

- Wir haben uns entschlossen wegzugehen, bevor uns das Jugendamt holt, und wir haben beschlossen, dass wir zusammenbleiben möchten, wenn du mit uns kommst.
- So? Und wohin, bitteschön, sollen wir gehen?

- Es spielt keine Rolle wohin -, entgegnete Wilmer.
 - Im Tal unterhalb der Stadt gibt’s einige Höhlen“, sagte Moisés und deutete etwas ungewiss über die Dächer der Stadt.

Die Kinder wählen ihren Weg und Stefan schließt sich ihnen an. Dieses Verhalten beobachtet man immer wieder bei diesem geborenen Erzieher. Ab diesem Moment sehen wir Stefan Gurtner als Leiter und Erzieher handeln, der seine literarischen und akademischen Pläne aufgibt, um alles mit diesen Kindern zu teilen: die Risiken, den Hunger, den ungewissen Erziehungsprozess mit all seinen Widersprüchen, die eigene Diskriminierung um der Arbeit mit diskriminierten Kindern willen. Er ist nicht der Europäer, der ein paar Stunden mit ein paar Straßenkindern in einer Hütte ohne Fensterscheiben und löchrigem Dach verbringt und die übrige Zeit in einem komfortablen Haus verbringt. Nein, es geht darum, immer präsent zu sein, alle Stunden des Tages, ein ganzes Leben lang.
Wie soll man eine vernünftige Arbeit mit Straßenkindern beginnen, die von ihren eigenen Familien, von der Polizei und von der ganzen Gesellschaft aufgegeben worden sind? Wie mit Kindern zusammenleben, die brutal auf die Straße gestoßen wurden, die durch Prügel und sexuellen Missbrauch, durch Konsum von Alkohol und Drogen derart geschädigt sind?
Es sind viele Fragen, die sich Tres Soles stellen muss. Die konkreten Aktionen, die daraus entstehen und die Gewissheit, dass man trotz aller Schwierigkeiten nicht aufgeben darf, sind die Antworten darauf. (-)
Ich glaube, dass Erziehung, wenn sie es ernst meint, auf Menschen bauen muss, die für ihre Taten geradestehen können und für sich selbst und andere Verantwortung übernehmen.
Die Prinzipien von Tres Soles widersprechen üblichen Maßnahmen oft frontal, nämlich unliebsame Menschen wegzusperren.  
Tres Soles beweist uns, dass es viel zu tun gibt, bevor man sagen kann, dass man nichts mehr machen kann; dass es für alle Hoffnung und Möglichkeiten gibt, ihr Leben zu verändern. Die bedeutendsten Resultate sind wohl in der künstlerischen Arbeit zu finden, in der die Entwicklung vom ausschließlich therapeutischen Theater bis hin zu einem künstlerischen Niveau reicht, das weit über den rein erzieherischen Wert hinausgeht. Die Theatergruppe von Tres Soles ist eine der meist besprochenen Theatergruppen Boliviens der letzten Jahre. (-)
César Brie, ehemaliger Leiter des bekannten Teatro de los Andes, äußerte sich anlässlich der Aufführung des Kleinen Prinzen sehr positiv über die freie Fassung der Theatergruppe von Tres Soles. Er erklärte, dass ihn das Stück tief  berührt habe. Auch ich kann nichts anderes sagen, als dass mich das Buch und die Lebensgeschichten, die es beschreibt, berühren.  Vielen Dank, Stefan, für dein Engagement, für deinen Respekt gegenüber unseren Kindern, dafür, dass du sie in die Kunst einführst als ein Weg zur Heilung, zur Befreiung und zum Glück. Du wirst dich nie wieder Ausländer nennen dürfen, denn du hast uns adoptiert und wir haben dich adoptiert.“

4. März 2012 - ‚La Patria’, bolivianische Tageszeitung

Guttentag

rezension - buchempfehlung - 08-02-2014 000001

Jüdische Allgemeine

Jüdische Allgemeine / Literatur / 14.02.2013
Ein Breslauer in Bolivien
-Das Leben des Verlegers Werner Guttentag-
von Gert Eisenbürger
Es ist das Verdienst von Autor Stefan Gurtner und der kleinen Edition AV, die faszinierende Biografie und die bemerkenswerte Lebensleistung Werner Guttentags jetzt auch in seinem deutschen Geburtsland zu würdigen – in Bolivien waren ihm noch zu Lebzeiten zahlreiche Ehrungen zuteil geworden. Darüber hinaus ist Guttentag eine spannende Darstellung zentraler Perioden der deutschen wie der bolivianischen Geschichte.

Dass Migranten das kulturelle Leben ihres Ziellandes bereichern, ist längst ein Allgemeinplatz. Die Geschichte Werner Guttentags (1920–2008) ist dennoch außergewöhnlich. Wie aus einem Breslauer jüdischen Jugendlichen der wichtigste Verleger Boliviens wurde, erzählt Stefan Gurtner in seiner Biografie.
Schon als Zwölfjähriger schloss Werner Guttentag sich der sozialistischen »Freien Deutsch-Jüdischen Jugend« an, die unmittelbar nach der Machtübernahme der Nazis begann, Widerstand gegen das Regime zu leisten. Viele der Jugendlichen wurden verhaftet, andere konnten in die nahe gelegene Tschechoslowakei fliehen. Auch Werner Guttentag verließ 1938 Breslau und kam über Luxemburg in die Niederlande. Er fand Aufnahme im Werkdorf Wieringermeer, wo jüdische Jugendliche auf die Alija vorbereitet wurden. Weil er nicht gegen die arabische Bevölkerung kämpfen wollte, nahm er kurz vor Kriegsbeginn die Möglichkeit einer Ausreise nach Bolivien wahr. Anfang 1940 traf er dort ein und ließ sich in Cochabamba nieder. Hier eröffnete er 1945 eine Buchhandlung, was angesichts des Umstands, dass rund 90 Prozent der Bevölkerung nicht lesen konnten, mehr als ein Wagnis war. Doch Guttentag behauptete sich, konnte später sogar Filialen in anderen bolivianischen Städten eröffnen.

Die Bücher bezog er zunächst vor allem aus Argentinien. In Bolivien gab es keine Verlage. Einzelne Autoren publizierten ihre Texte in Eigenregie. 1950 bat der Schriftsteller Jesús Lara – der heute als wichtigster bolivianischer Autor des 20. Jahrhunderts gilt – Guttentag, seinen Roman Surimi zu veröffentlichen. Das war die Geburtsstunde des Verlags »Los Amigos del Libro« (Die Freunde des Buches), der in den folgenden fünf Jahrzehnten rund 1200 Titel veröffentlichte, neben Romanen und Erzählungen fast aller bedeutenden bolivianischer Autoren zahlreiche landeskundliche Sachbücher. Viele von Guttentags Autoren gehörten nicht nur zur intellektuellen Elite Boliviens, sondern waren auch wichtige Köpfe der Linken. Als es ab 1964 in der Andenrepublik zu einer fast 18-jährigen Abfolge von Militärdiktaturen kam, gerieten viele von ihnen unter Druck, mussten ins Exil gehen, wurden inhaftiert oder gar getötet. Auch Werner Guttentag machte Erfahrungen mit der Repression. 1971 brachte er Jesús Laras Buch Guerillero Inti heraus, das die Geschichte des kurz zuvor getöteten Guerillaführers Inti Peredo erzählt. Der deutschstämmige Diktator Hugo Banzer reagierte mit Gewalt: Paramilitärs drangen in Druckerei und Buchhandlung ein, beschlagnahmten fast 3000 Exemplare des Buches und verbrannten sie. Werner Guttentag wurde kurzzeitig inhaftiert, weil die Diktatur aus den Honoraren, die er als Verleger Jesús Lara gezahlt hatte, eine Finanzierung der Guerilla konstruieren wollte.
Stefan Gurtner: »Guttentag. Das Leben des jüdischen Verlegers Werner Guttentag zwischen Deutschland und Bolivien«. Edition AV, Lich 2012, 542 S., 24,50 €

Beitrag von Gert Eisenbürger

ila Zeitschrift der Informationsstelle Lateinamerika,
ila 360 - November 2012 /
https://www.ila-web.de/ausgaben/360/die-sache-mit-dem-fahrrad
Gert Eisenbürger
Die Sache mit dem Fahrrad
Ein Buch über das Leben des deutsch-jüdisch-bolivianischen Verlegers Werner Guttentag
Trotz der Einwände im Hinblick auf die „Mikro-Fiktion“ halte ich „Guttentag“ für ein enorm wichtiges und wertvolles Buch. Dem kleinen libertär-anarchistischen Verlag Edition AV ist zu danken, dass er das Projekt realisiert hat. Sicherlich ein großes Wagnis, denn die Zahl der Menschen, die sich für den Lebensweg eines deutsch-jüdischen Buchhändlers und Verlegers in Bolivien interessieren, dürfte hierzulande überschaubar sein. Aber wie (_) dargestellt, ist das Buch mehr als eine Romanbiografie Werner Guttentags, weil es wichtige Kapitel jüdischer und linker Geschichte in Deutschland und Bolivien engagiert bearbeitet und darstellt.
Bei meinen Interviews mit Menschen, die vor dem NS-Terror nach Lateinamerika geflohen waren, sprachen mehrere GesprächspartnerInnen irgendwann von ihren Büchern. Die einen berichteten, wie sie diese trotz aller Gefahren ins Exilland brachten. Andere beklagten, dass sie sie bei ihrer oft dramatischen Flucht durch mehrere Länder irgendwo zurücklassen mussten. Bücher waren für sie nicht einfach Lesestoff, sondern Sammlungen von Ideen, Gedanken und Texten, die ihre Entwicklung und letztlich ihre Identität (mit-)geprägt hatten und die sie deshalb im unsicheren neuen Leben jenseits des Atlantiks unbedingt dabeihaben wollten.
So ging es auch Werner Guttentag, der vor der Überfahrt nach Chile seine Bücher in den Niederlanden zurücklassen musste. Allerdings hatte er die Wahl: Entweder die Bücherkiste oder sein Fahrrad, nur eines durfte mit aufs Schiff. Er entschied sich für das Rad, das er tatsächlich heil bis nach Cochabamba in Bolivien brachte. Sein weiterer Lebensweg wurde dennoch durch Bücher bestimmt. Wie aus einem jüdischen Jugendlichen aus Breslau, der vor seiner Flucht kein Spanisch sprach und in seiner Naivität versucht hatte, sich wenigstens einige Worte Spanisch ausgerechnet durch die Lektüre Karl Mays anzueignen, der Vater des bolivianischen Verlagswesens und ein großer Förderer der bolivianischen Literatur wurde, erzählt der Schweizer Stefan Gurtner auf über 500 Seiten in seinem Buch „Guttentag“. Die Basis seiner Recherchen sind neben literarischen Quellen eine lange Serie von Interviews, die er mit dem im Dezember 2008 verstorbenen Werner Guttentag in dessen letzten Lebensjahren führte, sowie Gespräche mit Familienmitgliedern und WeggefährtInnen. (Siehe auch ein Lebenswege-Interview mit Werner Guttentag in ila 244)
Das erste, fast 140 Seiten lange Kapitel „Breslau“ beschäftigt sich mit Werner Guttentags Kindheit und Jugend. Er wurde 1920 als Sohn liberaler jüdischer Eltern geboren. Sein Vater war zunächst wohlhabender Mitinhaber eines Stoffgeschäfts, verarmte im Zuge der Weltwirtschaftskrise aber zusehends. Werner besuchte ein angesehenes Gymnasium, was ihm aber wenig Spaß machte. Als 12-Jähriger trat er dem deutsch-jüdischen Jugendbund Kameraden bei, der sich im Mai 1932 aber in drei Fraktionen spaltete, eine zionistische, eine deutsch-nationale und eine sozialistische. Werner Guttentag schloss sich letzterer an, die sich fortan „Freie Deutsch-Jüdische Jugend“ (FDJJ) nannte. Da Guttentags dortige Kameraden seinen weiteren Lebensweg maßgeblich bestimmten, widmet ihnen Stefan Gurtner den größten Teil des Breslau-Kapitels und rekonstruiert damit die Geschichte einer außergewöhnlichen jüdischen Jugendgruppe, die sofort nach der Machtübernahme der Nazis im Januar 1933 begann, Widerstand gegen den braunen Terror zu leisten. Viele ihrer Mitglieder wurden deswegen verhaftet, zu Gefängnisstrafen verurteilt und nach deren Verbüßung in Konzentrationslagern gequält, andere konnten rechtzeitig in die nahegelegene Tschechoslowakei fliehen. Diejenigen, die 1934/35 wegen ihrer Widerstandsaktivitäten verhaftet wurden, hatten in gewisser Weise „Glück“, weil sie nach Gefängnis- und KZ-Haft noch frei kamen und Nazideutschland verlassen konnten. Die anderen, die nicht fliehen konnten oder festgenommen wurden, als der Völkermord an den Juden schon vorbereitet wurde, starben in den Vernichtungslagern.
Mehrere Aktivisten der FDJJ führte die Flucht vor dem NS-Terror nach Lateinamerika, wo sie ihren sozialistischen Überzeugungen treu blieben. Die ila war vor etlichen Jahren stolz, zwei von ihnen, Stefan Blass und Ernesto Kroch, als ständige Mitarbeiter gewinnen zu können. Beide berichteten bis zu ihrem Tod 1998 bzw. 2012 für die ila aus Brasilien bzw. Uruguay. Mit dem ebenfalls nach Brasilien geflohenen Heinz Ostrower, der nach Schweden emigrierten Eva Pollack, geb. Cohn, und mit Werner Guttentag selbst konnten wir in unserer Zeitschrift spannende Interviews veröffentlichen.
Auf der Basis der Tonbandaufnahmen mit den Erinnerungen Werner Guttentags, weiterer Interviews und Korrespondenz mit ZeitzeugInnen sowie den inzwischen erschienenen Veröffentlichungen über einzelne Mitglieder der FDJJ zeichnet Stefan Gurtner die Entwicklung der Gruppe und das Schicksal ihrer AktivistInnen zwischen 1932 bis 1938 nach, berichtet aber auch, was aus den KameradInnen später wurde und welche von ihnen von den Nazis ermordet wurden.
Als immer mehr seiner FreundInnen verhaftet wurden oder flohen, verließ auch Werner Guttentag 1938 Breslau – noch mit Büchern und Fahrrad – und kam über Luxemburg in die Niederlande. Dort fand er Aufnahme im Werkdorf Wieringermeer, wo jüdische Jugendliche für die Auswanderung nach Palästina vorbereitet wurden und eine Ausbildung machen konnten. Wie die anderen Mitglieder der FDJJ stand auch Werner Guttentag dem Zionismus kritisch gegenüber. Er wollte nicht nach Palästina, weil er nicht gegen die dort lebende arabische Bevölkerung kämpfen wollte. Als seine Eltern nach einigen Monaten im Werkdorf erschienen und ihm mitteilten, sie hätten für sich Visa für Bolivien bekommen und auch für ihn ein solches beantragt, war er deshalb hocherfreut. Wegen der Erledigung verschiedener Formalitäten konnte er seinen Eltern zwar erst nach einem knappen Jahr folgen, aber er kam – anders als Werner Jany, sein bester Freund aus der Breslauer Zeit – noch aus Holland heraus, bevor die nazideutsche Wehrmacht das Land besetzte und viele Flüchtlinge aus Deutschland dort in der Falle saßen. Seine Fluchtgeschichte wird im zweiten Hauptkapitel des Buches rekapituliert. Das dritte widmet sich seinen ersten Jahren in Bolivien. Im Vergleich zu anderen EmigrantInnen war er bei seiner Ankunft in den ersten Tagen des Jahres 1940 privilegiert, weil seine Eltern seit einem Jahr in Cochabamba lebten, dort bereits eine Wohnung und Arbeit gefunden hatten. Werner Guttentag, der in den Niederlanden eine Schlosserlehre begonnen hatte, versuchte sich zunächst als Goldschmied in der Werkstatt eines weiteren Emigranten. Danach arbeitete er einige Jahre als Bürokraft in der Minengesellschaft Mauricio Hochschilds. Der Bergbauingenieur jüdischer Abstammung war Anfang der 20er-Jahre nach Bolivien gekommen und zu einem der drei größten Minenunternehmer des Landes aufgestiegen. Viele jüdische EmigrantInnen fanden Arbeit in seinen Unternehmen.
Für Werner Guttentag war das allerdings ein nicht sonderlich geliebter Brotberuf. Sein Traum war die Eröffnung einer Buchhandlung in Cochabamba, den er sich 1945 mit Unterstützung einer wohlhabenden Emigrantin und seiner Eltern erfüllen konnte. Entgegen allen Unkenrufen, als Buchhändler hätte er in Bolivien keine Perspektive – schließlich könnten rund 90 Prozent der Bevölkerung nicht lesen und auch die Gebildeten seien literarisch nicht besonders interessiert – konnte er sich behaupten und seine Buchhandlung im Laufe der Jahre in anderen Räumlichkeiten vergrößern, später sogar Filialen in La Paz und Santa Cruz eröffnen. Der Buchladen in Cochabamba zog schnell nicht nur die EmigranInnen an, sondern auch die intellektuelle Elite der Stadt, zu der Werner Guttentag bald auch selbst gehören sollte.
Die Bücher bezog er überwiegend aus Argentinien, in Bolivien gab es keine festen Verlage, lediglich einzelne betuchtere AutorInnen veröffentlichten ihre Texte im Selbstverlag. Dass dadurch kaum Bücher einheimischer AutorInnen verfügbar waren und es auch kaum Literatur über Geschichte, Geographie und Kultur des Landes gab, empfand Werner Guttentag als großes Defizit. Als ihn der Schriftsteller Jesús Lara – der heute als wichtigster bolivianischer Autor des zwanzigsten Jahrhunderts gilt – 1950 bat, seinen Roman Surimi zu veröffentlichen, zögerte er zunächst, weil er als Verleger keinerlei Erfahrung hatte. Doch schließlich willigte er ein und gab damit den Startschuss für die Gründung des ersten bedeutenden bolivianischen Verlags, der ebenso wie seine Buchhandlung den Namen Los amigos del libro (Die Freunde des Buches) trug. In den folgenden fünf Jahrzehnten veröffentlichte der Verlag rund 1200 (!) Titel, neben Romanen und Erzählungen fast aller wichtiger bolivianischer AutorInnen in der Reihe Enciclopedia Boliviana auch viele landeskundliche Sachbücher. Dazu gehörten Titel über Geographie und Natur Boliviens, seine kulturellen Traditionen, seine Küche und seine Geschichte, darunter die vierbändige Geschichte der bolivianischen Arbeiterbewegung aus der Feder Guillermo Loras, des bedeutendsten marxistischen Intellektuellen des Landes.
Die wichtigste Publikationsreihe des Verlags war für Werner Guttentag, wie für viele BolivianerInnen, die 1962 erstmals erschienene Bibliografía Boliviana (ab 1975 Bio-Bibliografía Boliviana). Bis 2002 erschien jährlich ein Band, der alle Buchtitel aufführte, die im gleichen Jahr in Bolivien veröffentlicht wurden, und dazu Kurzbiographien der AutorInnen enthielt. Wie schon mit der Gründung seines Verlags ging es Werner Guttentag darum, den BolivianerInnen und der ganzen Welt zu zeigen, was in Bolivien intellektuell geleistet und produziert wurde. Das erforderte einen enormen Rechercheaufwand und war natürlich ein Zuschussgeschäft, weil es für das Projekt nie staatliche Zuschüsse gab und auch die Universitäts- und öffentlichen Bibliotheken die Bibliographie nur haben wollten, wenn sie sie kostenlos bekamen.
Wie der erwähnte Guillermo Lora gehörten viele AutorInnen von Los Amigos del Libro nicht nur zur intellektuellen Elite Boliviens, sondern waren auch wichtige Köpfe der bolivianischen Linken. Einige kamen vom linken Flügel der Nationalrevolutionären Bewegung MNR, der Trägerin der Revolution von 1952. Jesús Lara war Mitglied der Leitung der Kommunistischen Partei Boliviens (PCB), Marcelo Quiroga Santa Cruz führte eine marxistische Sozialistische Partei, die PS-1, Guillermo Lora stand an der Spitzte der trotzkistischen Revolutionären Arbeiterpartei (POR). Als es ab 1964 in Bolivien zu einer fast 18-jährigen Abfolge von Militärdiktaturen kam, gerieten viele der AutorInnen unter Druck, mussten ins Exil gehen, wurde inhaftiert oder gar getötet, wie Marcelo Quiroga Santa Cruz, der bei dem besonders blutigen Militärputsch 1980 ermordet wurde.
Jesús Lara war 1971 vorübergehend inhaftiert worden, weil ihm vorgeworfen wurde, die Guerillagruppe ELN zu unterstützen, die nach dem Tod Ernesto „Che“ Guevaras von Laras Schwiegersohn „Inti“ Peredo reorganisiert und geführt wurde. In diesem Zusammenhang geriet auch Werner Guttentag ins Visier der Repression. Nachdem „Inti“ Peredo 1971 vom Militär erschossen worden war, schrieb Jesús Lara dessen Geschichte auf. Das Buch mit dem Titel Guerillero Inti sollte in Guttentags Verlag Los amigos del libro erscheinen. Dies versuchte die gerade an die Macht gekommene Diktatur des deutschstämmigen Diktators Hugo Banzer mit allen Mitteln zu verhindern. Paramilitärs drangen in die Druckerei und die Buchhandlung ein, beschlagnahmten fast 3000 Bücher und verbrannten sie. Nur wenige Exemplare, die Angestellte vorher in Sicherheit gebracht hatten, entgingen den Flammen. Auch Werner Guttentag wurde kurzzeitig festgenommen, weil einige Schergen der Diktatur aus den Honoraren, die er als Verleger dem Autor Jesús Lara gezahlt hatte, eine Finanzierung der Guerilla konstruieren wollten.
Werner Guttentags Buchhandlung war nicht nur Anlaufpunkt für linke Intellektuelle. Eines Tages in den 60er-Jahren erschien dort ein eloquent auftretender Deutscher, der sich als Klaus Altmann vorstellte und einige Bücher kaufte. Wenig später hörte Werner Guttentag von einem Mitglied der jüdischen Gemeinde, dass dieser Klaus Altmann in Wirklichkeit Klaus Barbie sei, der berüchtigte Gestapo-Chef von Lyon. Außerdem erfuhr er, dass Barbie in Amsterdam persönlich an der Verhaftung und Deportation seines Breslauer Freundes Werner Jany beteiligt gewesen war.
In Bolivien hatte Barbie ein neues Betätigungsfeld gefunden. Er diente mehreren Militärdiktaturen nach 1964 als Berater in „Sicherheitsfragen“, das heißt, er organisierte erneut Verfolgung, Folter und Ermordung Oppositioneller und stellte paramilitärische Gruppen auf. Lange Zeit schien er deshalb unantastbar. Doch sowohl in Europa als auch in Bolivien beschäftigten sich Menschen damit, wie Barbie vor Gericht gestellt werden könnte. Dazu gehörten Serge und Beate Klarsfeld, der Autor und Ex-Guerillero Régis Debray in Frankreich sowie die Guerillera Monika Ertl und der Journalist Gustavo Sánchez in Bolivien. Mit letzterem war Werner Guttentag befreundet. 1972 scheiterte ein Versuch Debrays, Ertls (deren Rolle Stefan Gurtner leider verschweigt) und Sanchez', Barbie in Bolivien zu entführen und außer Landes zu bringen. Elf Jahre später war das Duo Debray/Sánchez* erfolgreicher – weil es inzwischen ganz andere Möglichkeiten hatte: Der Kommunist Sánchez war 1983 Innenminister der bolivianischen Mitte-Links-Regierung unter Hernan Siles Zuazo und Debray Berater des französischen Präsidenten Francois Mitterand. Weil er trotz seines Amtes in Bezug auf Barbie kaum jemand in Polizei und Militär trauen konnte, holte Sánchez Barbie persönlich aus dem Abschiebegefängnis und brachte ihn zum Flughafen von La Paz/El Alto, von wo ihn eine bolivianische Militärmaschine nach Franz. Guyana brachte. Dort wartete ein von Régis Debray organisiertes französisches Flugzeug, mit dem Barbie nach Paris geflogen wurde. In Frankreich wurde er vor Gericht gestellt und zu lebenslanger Haft verurteilt.
Die hier erwähnten Beispiele zeigen, dass Stefan Gurtners Buch in der Darstellung des Wirkens Guttentags in Bolivien nicht nur über die Biographie einer Persönlichkeit berichtet, sondern auch zentrale Perioden der deutschen und bolivianischen Geschichte und insbesondere die Rolle, die Linke darin spielten, veranschaulicht. Dies macht das Buch ungeheuer spannend und aufschlussreich auch für jene, die zunächst mit dem Namen Werner Guttentag wenig anfangen können.
Gewisse Probleme hatte ich indessen mit Vorgehen und Methode des Autors bei der Niederschrift des Buches. Das Buch ist sehr gut recherchiert, alle wichtigen Aussagen sind sauber belegt. Der Autor verließ sich nicht allein auf die Erinnerungen Guttentags, sondern prüfte dessen Aussagen durch weitere Interviews und in der Literatur nach. Allerdings gab er sich damit nicht zufrieden, die gesicherten Fakten darzustellen. Im Vorwort schreibt er: „Immer dann, wenn z.B. in den Tonbandaufnahmen oder in den erwähnten Texten keine Zeitangaben zu finden waren, musste ich ‚Brücken' bauen. Das heißt, ich musste mir vorstellen, wie es hätte gewesen sein können. Im gesamten Text, auch in den Passagen, in denen Guttentag selbst spricht, wurde außerdem die Methode der ‚Mikro-Fiktion' angewendet, das heißt sich die Freiheit zu nehmen, ‚die Figuren so zu zeigen und sprechen zu lassen, wie sie nach der dokumentarischen Arbeit für den Autor Gestalt annehmen' und was aus ihnen ‚plastische, fühlende und zweifelnde Menschen' werden lässt, wie der Schweizer Journalist und Literaturkritiker Alexander Sury im Zürcher Tagesanzeiger schreibt.“ (S. 11)
Zweifellos machen die erfundenen Dialoge das Buch lebendig. Die meisten werden auch ungefähr so gelaufen sein, die daraus folgenden persönlichen und politischen Entscheidungen Guttentags und der anderen handelnden Personen sind ja historisch verbürgt. Aber mein Problem ist das „ungefähr“. So kann ich mir etwa nicht vorstellen, dass Ernesto Kroch, den ich sehr gekannt habe, in der Gruppe in Breslau so gesprochen hat, wie er das in dem Buch tut.
Ich habe „Guttentag“ sehr gerne gelesen, aber es hätte mir noch besser gefallen, wenn Stefan Gurtner auf die Methode der „Mikro-Fiktion“ verzichtet hätte. Indessen werden auch in historischen Büchern und TV-Dokumentationen zu meinem Leidwesen die erfundenen und nachgestellten Dialoge immer beliebter. Offensichtlich gehen die MacherInnen davon aus, dass dies den LeserInnen bzw. ZuschauerInnen erleichtert, sich historische Situationen vorzustellen.
Stefan Gurtner: Guttentag. Das Leben des jüdischen Verlegers Werner Guttentag zwischen Deutschland und Bolivien, Verlag Edition AV, Lich/Hessen 2012, 542 Seiten, 24,50 Euro
* Die deutsch-bolivianische Guerillera Monika Ertl wurde 1973 von einer Armeeeinheit   erschossen. Nach Ansicht von Régis Debray war sie in eine von Klaus Barbie organisierte Falle geraten.

Beitrag von Walter Laqueur

The Times Literary Supplement vom 07.12.2012
In dem Beitrag von Walter Laqueur in der TLS  mit dem Titel Rare Idealist heißt es u.a.:
Auch wenn der eine oder andere Abschnitt aus Werners Jugendzeit frei erfunden sein mag,- Esteban, einer seiner Söhne, schreibt im Vorwort, dass sein Vater ein unermüdlicher Leser war und am Ende nicht immer zwischen Fantasie und Wirklichkeit unterscheiden konnte-, und es in einer nicht-fiktiven Erzählung nicht angebracht ist, Gespräche über viele Seiten lang in Dialogform wiederzugeben, wie sie vor über 80 Jahren vermeintlich stattgefunden haben, so beeinträchtigt all das weder den Gesamteindruck sonderlich noch die Vertrauenswürdigkeit.

Yet sections of the book dealing with Guttentag's youth are pure fantasy. Estéban, one of his sons, notes in his preface that his father had been a great reader, and in the end found it difficult to differentiate between what he had read and what had really happened. Nor was it a good idea on the part of the biographer to render in direct speech over many pages conversations that had allegedly taken place eighty years earlier. Such practices are out of place in a work of nonfiction. But in this case it neither affects the general picture significantly, nor detracts from the reliability of the account.

aus der Tageszeitung La Patria

Tageszeitung La Patria vom 28.10.2012
Ein mit Werner Guttentag sehr befreundeter Schriftsteller und Historiker, der in der Biografie ebenfalls zu Wort kommt, schrieb in seiner Kolumne im Kulturteil o.g. Zeitung unter dem Pseudonym Tambor Vargas eine Rezension, in der es u.a. heißt:
Belegt durch ausführliche Informationen und in bester, literarischer Qualität erzählt  Gurtner von dem Verhältnis der drei Guttentag-Generationen zueinander,  von Guttentags Schulzeit, die unter den Prankenhieben der Nazis abrupt endete ebenso wie vom Einfluss der linksgerichteten Jugendgruppen, zu denen sich Werner Guttentag, noch keine 15 Jahre alt, hingezogen fühlte und der sein ganzes Leben prägen sollte -  trotz der immer wieder wechselnden (Macht-)Verhältnisse in Bolivien.
Con abundancia de información y cualidades de literato, Gurtner nos explica el contexto familiar trigeneracional de los Guttentag; su escolaridad finalmente naufragada bajo los zarpazos del nazismo; el ambiente juvenil izquierdista que, ya desde antes de los 15 años, alimentó las profundidades de Guttentag y las marcó hasta la hora de su muerte, aunque no pudo dejar de adaptarse a las también tan variantes circunstancias bolivianas.